Das Linsenmodell von Brunswik ist ein Modell, mit dem Wahrnehmungsvorgänge modelliert werden können. Das Modell deckt alle Arten von Wahrnehmungsvorgängen ab, es kann z. B. die Wahrnehmung von Gegenständen bis zur Wahrnehmung von Personen damit beschrieben werden. Wesentliche Merkmale des Linsenmodell sind die Einteilung in distale und proximale Merkmale, das manifeste Urteil als Ergebnis des Wahrnehmungsprozesses sowie sein probabilistischer Charakter.

Das Linsenmodell von Brunswik (1943) ist ein allgemeines Wahrnehmungsmodell, das alle Situationen abdeckt, in denen das zu beurteilende Merkmale nicht direkt beobachtbar ist. Die Grundannahme des Modells ist, dass die Wahrnehmung des Menschen nur dann verstanden werden kann, wenn seine evolutionäre Entwicklung berücksichtigt wird.

Die Wahrnehmung des Menschen wird dabei von Brunswik nicht als deterministisch aufgefasst, sondern als probabilistisch. Reize aus der Umwelt bilden danach nicht mit Sicherheit einem Sachverhalt ab. Guski (2006) illustriert dies mit dem folgenden Beispiel: „So haben reife Früchte im allgemeinen eine dunklere Farbe als unreife, aber es wäre u. U. tödlich für das wahrnehmende Lebewesen, sich hundertprozentig auf den Zusammenhang zwischen Farbe und Reifegrad zu verlassen, denn auch überreife und bereits faulende Früchte sind dunkler als unreife.“ Ein Inpiduum erhält somit ein besseres Abbild der Umwelt, wenn es sich nicht nur auf einen Reiz verlässt, der mit Unsicherheit behaftet ist, sondern wenn es mehrere Reize verwertet. Legen die ausgewerteten Reize dann den gleichen Schluss nahe, so erhöht die Validität der Wahrnehmung. Zieht ein Inpiduum im obigen Beispiel neben der dunklen Farbe der Früchte als optischen Reiz noch die olfaktorischen und haptischen Reize mit ein, so erhöht sich die Sicherheit, mit der Reife von überreifen oder gar faulen Früchten unterschieden werden können.

Entitäten aus der Welt können weiterhin nie direkt wahrgenommen werden, es muss immer eine mentale Repräsentation der Umwelt aufgebaut werden, auf deren Grundlage dann Beurteilungen über die Umwelt durchgeführt werden können (Jungermann, Pfister & Fischer, 2005). Psychologisch werden hierzu distale, proximale und zentrale Faktoren unterschieden (Guski, 2006). Distale Faktoren liegen in der Umwelt, von der eine Person umgeben ist, diese sind somit im Fernbereich der Person. Im Nahbereich der liegen die proximalen Faktoren. Im kognitiven System der Person und somit innerhalb deren Organismus finden sich die zentralen Faktoren. Die folgende Tabelle illustrierte diese Einteilung:

Umwelt (Fernbereich) Nahbereich der Person Kognitives System der Person
Distale Faktoren Proximale Faktoren Zentrale Faktoren
Kriterium Reize Beurteilung

Das Linsenmodell lässt sich entsprechend der drei verschiedenen Komponenten aufgliedern (Henss, 1998):

  1. Das distale Merkmal, das nicht direkt zu beobachten aber zu beurteilen ist,
  2. die direkt beobachtbaren proximalen Merkmale und
  3. das manifeste Urteil, das aufgrund der Beobachtung der proximalen Merkmale getroffen wird.

Bezogen auf das Frucht-Beispiel stellt der Reifegrad das distale Merkmal dar, das durch die proximalen Merkmale Farbe, Geruch und Festigkeit erschlossen werden soll.

Neben diesen zwei Merkmalsarten und dem manifesten Urteil gibt es noch drei korrelative Beziehungen:

  1. Die ökologische Validität, die die Beziehung zwischen dem nicht beobachtbaren distalen Merkmal und den beobachtbaren proximalen Merkmalen angibt,
  2. die Merkmalsverwertung, die die Beziehung zwischen den proximalen Merkmalen und dem manifesten Urteil angibt sowie
  3. die funktionale Validität, die die eigentliche Beziehung zwischen dem distalen Merkmal und dem manifesten Urteil wiedergibt.

Diese Beziehungen sind, wie oben schon angeführt wurde, nicht-deterministisch. So kann nie mit absoluter Sicherheit von den Ausprägungen der proximalen Merkmale auf das distale Merkmal geschlossen werden. Ebenso wenig kann mit Sicherheit aufgrund der Kenntnis der proximalen Merkmale das manifeste Urteil gefällt werden. Folglich ist auch die funktionale Validität keine deterministische Beziehung.

Im Frucht-Beispiel stellt die Korrelation vom Reifegrad und Farbe, Geruch und Festigkeit die ökologische Validität dar. Die Merkmalsverwertung ist die Korrelation zwischen Farbe, Geruch und Festigkeit und der Beurteilung des Reifegrades durch eine Person. Die funktionale Validität ist schließlich die Korrelation zwischen Reifegrad und der Beurteilung des Reifegrades durch eine Person. Das Linsenmodell ist in der folgenden Abbildung dargestellt.

Brunswik Linsenmodell

Das Linsenmodell wurde schon mehrfach im Rahmen einer evolutionspsychologisch fundierten Personenbeurteilung (Henss, 1992, 1998) sowie im Kontext der Sexual Strategies Theory von Buss und Schmitt (1993) diskutiert. Soll die Beurteilung einer anderen Person als möglicher Partner erfolgen, ergibt sich die Frage, wie der Partnerwert einer Person als distales Merkmal durch die proximalen Merkmale abgebildet wird und wie aus den proximalen Merkmalen das manifeste Urteil entsteht. Die ökologische Validität als Beziehung zwischen dem distalen Merkmal und den proximalen Merkmalen als Indikatoren verweist auf die Frage, welche Indikatoren einen hohen Partnerwert signalisieren. Als Beispiel für den Zusammenhang zwischen distalen und proximalen Merkmalen sei das Waist-to-Hip-Ration (WHR) genannt, welches als Indikator für das Funktionieren des Hormonsystems bzw. - da es sich erst mit Einsetzen der Pubertät ausbildet - als Indikator für sexuelle Reife benutzt werden kann. Das manifeste Urteil besteht wiederum in der Einschätzung der Ausprägung der fraglichen proximalen Merkmale und der Beurteilung der Relevanz dieser Ausprägung für das eigene Verhalten. So kann z. B. ein Mann, der auf der Suche nach einer Langzeitpartnerin ist, eine Frau als solche ablehnen, weil sie nicht die geeignete Ausprägung der proximalen Merkmale Ergebenheit, sexuelle Treue und Keuschheit zeigt. Andererseits könnte im Kontext einer Kurzzeitpartnerschaft die Frau als mögliche Partnerin in Betracht kommen, da die geringe Ausprägung von Ergebenheit, sexueller Treue und Keuschheit auf möglichst frühen sexuellen Zugang hindeuten kann. Von diesen beiden Zusammenhängen psychologisch von Interesse ist die Merkmalsverwertung. Die ökologische Validität spiegelt hauptsächlich biologische Zusammenhänge wieder, während die Merkmalsverwertung die kognitiven Prozesse aufgreift, in denen die proximalen Merkmale in ein Urteil integriert werden. Diese kurzen Beispiele illustrieren, wie das Brunswik’sche Linsenmodell bei der Analyse psychologischer Zusammenhänge eingesetzt werden kann.

Literatur:

Brunswik, E. (1943). Organismic achievement and environmental probability. Psychological Review, 50, 255-272.

Buss, D. M., Schmitt, D. P. (1993). Sexual strategies theory: An evolutionary perspective on human mating. Psychological Review, 100, 204-232.

Guski, R. (2006). Wahrnehmen – ein Lehrbuch. Onlineversion: http://eco.psy.ruhr-uni-bochum.de/download/Guski-Lehrbuch/Inhaltsverzeichnis.html (abgerufen am: 10.07.2011).

Henss, R. (1992). Spieglein, Spieglein an der Wand. Weinheim: Beltz.

Henss, R. (1998). Gesicht und Persönlichkeitseindruck. Göttingen: Hogrefe.

Jungermann, H., Pfister, H.-R., Fischer, K. (2005). Die Psychologie der Entscheidung. Eine Einführung. München: Elsevier Spektrum Akademischer Verlag.