Menschen gehen ins Kino, in Konzerte, spielen Computerspiele und sind ständig auf der Suche nach Unterhaltung und Abwechslung. Diese Suche nach Unterhaltung hat viele Stars hervorgebracht und die Medienindustrie reich gemacht. Was für einen Sinn aber hat die Unterhaltung. Sie verursacht in aller Regel nur Kosten, bringt aber augenscheinlich keinen Vorteil. Legt man die natürliche Selektion zu Grunde, so ist diese Aussage richtig. Fakt ist aber, dass es Unterhaltung gibt. Abstreiten hieße Phänomenblindheit. Wir müssen uns also auf die Suche nach einer Erklärung des Phänomens Unterhaltung machen. Wir werden sehen, dass die sexuelle Selektion Erklärungsmöglichkeiten liefert. Im Voraus sein angemerkt, dass es sich im Folgenden um Thesen handelt; Thesen allerdings, die sehr plausibel sind. Im weiteren Sinne beschäftigt sich die folgende Darstellung im allgemeinen mit der Entstehung des menschlichen Geistes und im besonderen mit Fähigkeit des Menschen, sich unterhalten zu lassen, bzw. der Fähigkeit zur Nutzung von Medien zur Unterhaltung. Die Darstellung bezieht sich auf die Thesen von Geoffrey F. Miller in seinem Buch „Die sexuelle Evolution“ (Miller, 2000).


Grundlagen der Evolutionspsychologie

Zuerst ist einmal die Frage zu klären, mit welcher Art von Fragestellung sich die Evolutionspsychologie beschäftigt. In der Psychologie wird üblicherweise die Frage „Wie funktioniert das?“ gestellt. Diese Art von Fragestellung bezeichnet man als proximate Fragestellung. In der Evolutionspsychologie werden Fragen der Art „Warum hat sich dieses Merkmal so entwickelt?“ gestellt. Diese Art von Fragestellung bezeichnet man als ultimate Fragestellung. Es geht folglich um die Spezifikation der Bedingungen, unter denen sich die jeweils interessierende Eigenschaft in dieser Form entwickeln konnte.

Wie läuft die Evolution nun eigentlich ab? Die zufällige Änderung einer Eigenschaft eines Individuums gegenüber den Anderen seiner Art führt entweder dazu, dass diese Individuum einen Überlebensvorteil oder einen Überlebensnachteil hat (natürliche Selektion) oder dass es einen Fortpflanzungsvorteil oder einen Fortpflanzungsnachteil hat (sexuelle Selektion). Egal welche Art der Selektion nun betroffen ist, beides führt dazu, dass das Individuum entweder mehr oder weniger Nachkommen als seine Artgenossen hat. Dies bezeichnet man als differentiellen Reproduktionserfolg. Ein Mehr an Nachkommen führt nun dazu, dass sich das Gen, welches die ursprüngliche Änderung verursacht hat, in der Population ausbreiten kann.

Wie kann man aber nun die Kräfte, welche die Evolution vorantreiben genauer beschreiben? Die erste Kraft stellt die natürliche Selektion dar.  Bei der natürlichen Selektion bewirkt die Veränderung einer Eigenschaft einen Überlebensvorteil für das Individuum. Dies führt im Überlebenskampf mit den Artgenossen dazu, dass dieses Individuum nun länger lebt oder in der Lage ist, Situationen zu meistern, welche die Artgenossen nicht bewältigen können. In der Folge hat das Individuum nun mehr Zeit (durch längere Lebenszeit) oder hat mehr Chancen (da es flexibler ist), sich fortzupflanzen. Beides bedingt nun bei entsprechender genetischer Ausstattung der Nachkommen auch wieder einen Überlebensvorteil für diese, was schließlich zu einer Ausbreitung des Gens in der Population führt. Bei der sexuellen Selektion liegt das Augenmerk nicht auf dem Überlebensvorteil, sondern in einem Vorteil bei der Partnerwahl. Hier bedingt die zufällige Änderung einer Eigenschaft, dass das Individuum sexuell attraktiver wirkt als seine Artgenossen. Dies führt in der Folge dazu, dass die möglichen Partner dieses Individuum anderen Individuen in der Partnerwahl vorziehen. Die Konsequenz: Das Individuum erhält mehr (und wahrscheinlich auch bessere) Möglichkeiten, Nachkommen zu zeugen. Besitzen nun die Nachkommen auch das attraktive Merkmal, so haben auch diese bessere Chancen bei der Partnerwahl. Dies führt nun wiederum zu einer Ausbreitung des veränderten Gens in der Population. Die letzte Kraft der Evolution ist (die vom Menschen hausgemachte) künstliche Selektion. Das Paradebeispiel für künstliche Selektion ist die Tierzucht. Hier wird nur solchen Individuen die Fortpflanzung ermöglicht, welche die jeweils (vom Menschen gewünschte Eigenschaft) besitzen. Der differentielle Reproduktionserfolg wird bei der künstlichen Selektion von außen erzeugt.

Nachdem wir nun wissen, welche Formen der Selektion es gibt, bleibt noch die Frage zu klären, welche „Produkte“ die Evolution liefert. Die Evolution bewirkt zum ersten das Entstehen der eigentlichen Anpassungen, zum zweiten die Nebenprodukte und zum dritten das sogenannte Rauschen. Die Anpassungen bezeichnen die durch den Selektionsdruck entstandenen und vererbten Eigenschaften. Die Nebenprodukte sind solche Merkmale oder Eigenschaften, die keinen Überlebens- oder Partnerwahlvorteil bieten, aber dennoch existent sind. Das Rauschen bezeichnet zufällig während der Entwicklung eintretende oder durch Mutationen erzeugte Veränderungen. Buss (2000) führt als Beispiel den Bauchnabel an. Das eigentliche Produkt ist hier die Nabelschnur, die das Überleben des Kindes im Mutterleib sichert. Der Nabel ist dann das nicht funktionale Nebenprodukt der Fabelschnur und die Form des Bauchnabels ist Rauschen, da sie von zufälligen Einflüssen abhängt.

Eine andere Art, die „Produkte“ der Evolution einzuteilen ist, physische Strukturen von psychologischen Mechanismen zu unterscheiden.  Dabei liegt das Hauptaugenmerk der Evolutionspsychologie auf den psychologischen Mechanismen, genauer auf den evolvierten psychologischen Mechanismen (EPM).  Ein EPM  beschreibt eine evolutionäre Anpassung auf psychologischer Ebene (Henss, 1998). Ein EPM besteht aus einer Reihe von Prozessen, die sich wie folgt charakterisieren lassen (Buss, 1991, zitiert nach Henss, 1998):

•    Ein EPM existiert in der gegebenen Form, weil er hilft, spezifische Probleme im Zusammenhang mit dem individuellen Leben und der Fortpflanzung zu lösen.
•    Er spricht nur auf bestimmte Klassen von Inputs an.
•    Er transformiert Information mit Hilfe spezifischer Prozeduren in einen bestimmen Output Der Input eines EPM kann external oder internal sein, er kann aktiv der Umwelt entnommen werden oder passiv rezipiert werden und er spezifiziert ein für den Organismus spezifisches adaptives Problem
•    Der Output eines EPM kann physiologische Aktivität regulieren, als Input für andere EPM dienen oder Handlungen produzieren und löst dabei ein spezifisches adaptives Problem.

Eine weitere Aufgabe der Evolutionspsychologie, zusätzlich zur Spezifikation der Entstehungsbedingungen einer evolutionären Anpassung, liegt in der Identifikation der EPM.
Nach diesem Blick auf die rudimentärsten Grundlagen der Evolutionspsychologie kommen wir nun zu den Thesen Miller´s über die Entstehung des menschlichen Geistes.

Miller´s Thesen

Knapp zusammengefasst lautet Miller´s These folgendermaßen: Die Evolution des menschlichen Geistes nur durch natürliche Selektion erklären zu wollen, greift zu kurz und kann nicht alles widerspruchsfrei erklären. Vielmehr bedarf es der bis dato meistens außen vor gelassenen sexuellen Selektion, um manche Merkmale des menschlichen Geistes, z. B. die Fähigkeit, Kunst zu genießen oder in unserem speziellen Fall sich unterhalten zu lassen. Miller nennt drei Möglichkeiten, wie der Geist durch sexuelle Selektion entstanden sein kann: die verselbständigte Gehirnevolution, die geistige Fitness und das schmückende Genie. Diese drei unterschiedlichen Erklärungsansätze werden im Folgenden nun näher behandelt.

Die verselbständigte Gehirnevolution

Eine mögliche Erklärung der Evolution des menschlichen Geistes liegt in dem Prozess der runaway sexual selection wie er von R. A. Fisher um 1930 vorgeschlagen wurde. Der Prozess beruht auf einem Spezifikum der sexuellen Selektion. Das Besondere ist, dass sich bei der sexuellen Selektion der sexualspezifische Schmuck an die sexuellen Präferenzen und die sexuellen Präferenzen an den sexualspezifischen Schmuck anpassen. Dies führt also zu der Situation, in welcher die Gene sowohl die Anpassungen als auch die Selektionsmechanismen steuern. Miller drückt dies mit dem Vergleich aus, das bei der sexuellen Selektion die Gene sowohl Monnequins wie auch Preisrichter sind. Dies führt nun zu Rückkoppelungseffekten, die einen selbstablaufenden Prozess hervorbringen können. Die Entwicklung der kreativen Intelligenz könnte also wie folgt ausgesehen haben: In einer Population entwickeln die Weibchen durch Zufall eine Vorliebe für besonders kreative Männchen. Als Folge davon werden die Männchen mit besonders hoher Kreativität bei der Paarung besonders vorgezogen und werden deshalb dementsprechend mehr Nachkommen haben als weniger kreative Männchen, wobei hier vereinfacht angenommen, dass Männchen ihre Eigenschaften an ihre Söhne und Weibchen ihre Eigenschaften an ihre Töchter vererben. In der nächsten Generation werden die Männchen also eine durchschnittlich höhere Kreativität haben als die der vorhergehenden. Gleichzeitig haben die Weibchen aber immer noch ihre Vorliebe für besondere kreative Männchen. Man erkennt an diesem Beispiel deutlich die Rückkopplung. Auf diese Weise könnte der Selbstläuferprozess also die Entstehung des menschlichen Geistes erklären.

Eine Voraussetzung der runaway sexual selection ist Polygynie, weil in einer monogamen Spezies nicht die Möglichkeit gegeben ist, dass ein Männchen sich mit mehreren Weibchen paaren kann, so dass die Gene für kreative Intelligenz in der nächsten Generation nicht in der entsprechenden Weite verbreitet sind.  Nun ist der Mensch aber eine Spezies, die nicht vollständig, sondern nur mäßig polygyn ist.

Mit dieser Erklärung gibt es aber auch ein Paar nicht vernachlässigbare Probleme. Ein Problem ist die Neutralität des Prozesses. In der Evolution ist ein deutlicher Trend zu immer größeren Gehirnen zu erkennen. Nach der Theorie des Selbstläuferprozesses ist es aber gleich  wahrscheinlich, dass sich kreative Menschen oder nicht kreative Menschen entwickeln. Ein weiteres Problem stellt die Geschwindigkeit des Selbstläuferprozesses war. Wenn sich der menschliche Intellekt nur durch solch einen Prozess entwickelt hätte, wäre die Evolution etwa zehnmal so schnell abgelaufen als es der Fall war. Eine mögliche Lösung dieses Problems stellt nach Miller die Evolution in Stufen dar. Es soll sich also um eine Folge von Selbstläuferprozessen mit jeweils nur kurzer Dauer mit Phasen des evolutionären Stillstandes. Diese Möglichkeit wird von fossilen Funden gestützt, die zeigen, dass sich die Größe des menschlichen Gehirns in mehren Stufen auf die heutige Größe entwickelte. An dieser Stelle außen vor gelassen ist allerdings der Zusammenhang zwischen Größe des Gehirns und Intelligenz bzw. Kreativität

Ein viel schwerwiegenderes Problem stellen aber die Geschlechtsunterschiede dar, die durch einen solchen Selbstläuferprozess entstehen würden. Nach der Theorie würden die Männchen immer mehr kreative Intelligenz entwickeln, da die Weibchen die entsprechende Vorliebe besitzen. Die Folge wären also superkreative, intelligente Männchen und stumpfsinnige, dumme Weibchen. Dies ist aber heute nicht empirisch zu bestätigen. Zwar gibt es Geschlechtsunterschiede im relativen Gehirnvolumen um ca. 100 Gramm, diese sind aber zu gering, als dass sie durch einen Selbstläuferprozess entstanden sein könnten. Viel wichtiger ist aber, dass es keine nennenswerten Geschlechtsunterschiede im sogenannten g-Faktor (der die allgemeine Intelligenz misst) gibt. Dies führt also zu Erklärungsproblemen, wenn man einen Selbstläuferprozess zugrunde legt. Allerdings erklärt dies die Tatsache, dass Männer durchschnittlich kreativ expressiver sind, also z. B. mehr Bücher schreiben, sich mehr selbst darstellen, das gehäufte Vorkommen von Männern in der Politik und Wissenschaft gibt usw.

Zur Lösung dieses Problems gibt es nun mehrere Möglichkeiten. Die erste ist die genetische Kopplung von Eigenschaften. Dies besagt einfach, dass die Männchen ihre Gene für hohe kreative Intelligenz nicht nur an die männlichen Nachkommen weitergeben, sondern auch an die Weiblichen. Insbesondere einsichtig wird dies, wenn man bedenkt, dass sich beim Fortpflanzungsvorgang die Gene von Männchen und Weibchen ja zufällig mischen. Dies führt auf eine kurze Sicht auch zu einer Erhöhung der kreativen Intelligenz bei den Weibchen. Auf eine längere Sicht hin werden sich aber wieder die starken Geschlechtsunterschiede einstellen. Also keine besonders gute Lösung.

Ein weiterer Ansatz liegt auf der Seite der sexuellen Präferenzen, also auf der weiblichen Seite. Da es sich bei der kreativen Intelligenz ja um ein Auswahlkriterium bei der Partnerwahl handelt, ist anzunehmen, dass die Weibchen nun im Gegenzug aber auch Mechanismen entwickelt haben, um die Darbietungen der Männchen zu evaluieren. Denn die Logik ist wie folgt: Die Weibchen wollen Männchen mit hoher kreativer Intelligenz. Nun müssen sie aber die entsprechenden Männchen ausfindig machen, d. h. sie brauchen auch einen Mechanismus mit dem sie die Männchen mit hoher kreativer Intelligenz unter den vielen Paarungsaspiranten ausfindig machen können. Damit ist es aber auf Seiten der Weibchen notwendig eine entsprechende kreative Intelligenz zu entwickeln um die Darbietungen der Männchen zu bewerten. Die Männchen nehmen also die weiblichen Präferenzen in ihr Verhalten auf und die Weibchen nehmen entsprechend die männlichen Fähigkeiten in ihr Verhalten auf.

Ein weiterer Lösungsvorschlag ist die Gegenseitige Auswahl von Männchen und Weibchen. Bis jetzt lag die Betrachtungsebene ja nur die kurzzeitige Paarung von Männchen und Weibchen. Nun ist aber nicht alle Partnerwahl derart kurzzeitig.  Menschen suchen für gewöhnlich längerfristige Partnerschaften, vor allem die Frauen, da es für diese nicht adaptiv ist, nur kurzfristige Partnerschaften einzugehen. Empirische Untersuchungen zum Partnerwahlverhalten (hauptsächlich durchgeführt von dem Evolutionspsychologen David M. Buss) haben gezeigt, dass auch Männer bei Langzeitpartnern wählerischer sind als bei Kurzzeitpartnern. Bei Langzeitpartnern legen Männer deutlich mehr Wert auf Intelligenz als bei Kurzzeitpartnern. Hat sich nun diese Tendenz im Laufe der Evolution bei den Männern ausgebildet, so bedingt dies aber, dass die Frauen mit hoher Intelligenz mehr Gene in die Nachfolgergeneration weitergeben. So kann also der Mangel an Geschlechtsunterschieden in der Intelligenz auf einen Prozess der gegenseitigen Auswahl zurückzuführen sein. Ein Manko dieser Erklärung die Inkommensurabilität mit dem Selbstläuferprozess.

Wie kann man nun die Theorie der Selbstläuferprozesse zur Evolution des menschlichen Geistes bewerten. Miller, dessen Dissertationsthema diese Selbstläuferprozesse waren, begräbt diese Theorie als alleinige Ursache der Evolution der kreativen Intelligenz. Es muss also eine andere Erklärung geben, wie sich die Menschen zu dem entwickelt haben, was sie sind.

Geistige Fitness

Eine Alternative ist die Theorie der Fitnessindikatoren und das Handicap-Prinzip. Um diese Theorie zu verstehen, muss man sich zuerst einmal fragen, warum es überhaupt Sexualität gibt. Würde sich eine Spezies nur durch Zellteilung fortpflanzen, könnte sie sich die Energie, die das Sexualverhalten braucht, sparen. Gibt es aber eine schädliche Mutation (und die Mehrheit aller Mutationen ist schädlich), würde sich diese bedingt durch die identische Kopie des Genoms von Generation zu Generation ausbreiten und würde in der Folge die Spezies aussterben lassen. Bei der Sexualität werden nun durch Zufall das Genom des Männchen mit dem Genom des Weibchens kombiniert. So kann eine Mutation durch Mischung der beiden Genome die Mutation unterdrückt werden. D. h. je weniger Mutationen in einem Genom vorhanden sind, desto besser ist es für die Fortpflanzung geeignet. Ein Mensch hat im Durchschnitt 1,6 Merkmale, die Mutationen aufweisen.

Wenn für die Fortpflanzung aber möglichst gutes Genmaterial benötigt wird, braucht man Indikatoren, die die Güte des Genmaterials preisgeben. Und zwar so preisgeben, dass Betrügen und Täuschen nicht möglich ist. Klären wir nun die Frage, welche Eigenschaften ein solches Merkmal besitzen muss. Es muss valide Auskunft über die Güte des Genoms machen. Dazu reicht es nicht aus, dass es ein Merkmal ist, an dem nur ein Gen beteiligt. Vielmehr muss es ein Merkmal sein an dem viele Gene beteiligt sind. Miller gibt nun folgendes Beispiel, wie man sich das bildlich vorstellen kann. Man stellt sich allen Gene hintereinander gereiht vor. Alle Gene, die für ein Merkmal sind, leuchten grün und alle defekten Gene leichten rot. Bei komplexen Merkmale leuchten nun viele Gene grün (z. B. das Gehirn), während bei einfachen Merkmalen nur wenige oder nur ein Gen grün leuchtet (z. B. Form des Ohrläppchens). Da komplexere Merkmale aber mehr Gene enthalten sind sie folglich auch viel anfälliger für Mutationen. Hat man also ein intaktes komplexes Merkmal gefunden, kann man ziemlich sicher sein, dass das dahinterstehende Genom auch ziemlich intakt ist. Beim Menschen ist so ein komplexes Merkmal das Gehirn, bzw. die Leistungen, die ein solches erbringt.

 

Nun muss man noch den Zusammenhang zwischen Fitness und solchen komplexen Merkmalen erhellen. Fitness ist eine abstrakte Größe, die den Fortpflanzungserfolg eines Individuums in Bezug auf andere Individuen seiner Art angibt. Einen hohen Fortpflanzungserfolg haben aber im Allgemeinen Individuen mit guten Genen (entweder im Sinne der natürlichen Selektion mit eine hohen Überlebenswahrscheinlichkeit aufgrund körperlicher Fitness oder im Sinne sexueller Selektion durch  einen hohen Partnerwert) und als Indikator für diese guten Gene dienen wiederum die komplexen Merkmale. Wichtig ist auch der Zusammenhang zwischen genetischer Fitness und physischer Fitness bzw. Kondition. Hat ein Individuum gute Gene, so kann man auch annehmen, dass es eine gute körperliche Leistungsfähigkeit hat. Verständlich wird das, wenn man sich überlegt, durch was eine gute körperliche Leistungsfähigkeit zustande kommt: ein guter Kreislauf, effektive physiologische Mechanismen, gute Knochen, gute Koordinationsvermögen usw. Diese Fähigkeiten sind wiederum alle an gute Gene gekoppelt. Also folgt, dass ein körperlich fitter Körper auch gute Gene haben muss, um dieses Niveau aufrecht zu erhalten.

Ein diesem Zusammenhang ist auch eine kurze Anmerkung über die Sprachgebrauch des Wortes Fitness angebracht. Während Fitness ist allgemeinen Sprachgebrauch die sportliche Leistungsfähigkeit bezeichnet, meint der Begriff im Zusammenhang mit Evolution die Angepasstheit eines Individuums an seine Umwelt. In diesem Sinne ist der Begriff Fitness aus dem Englischen geborgt, wo to fit to something sich an etwas anpassen meint.

Weiterhin steht das Handicap-Prinzip mit den komplexen Merkmalen im Zusammenhang. Dieses Prinzip besagt einfach folgendes: Je aufwendiger, komplexer ein Merkmal ist, desto aufwendiger ist es dieses zu unterhalten und desto besser muss die Kondition sein. Verbildlichen kann man sich das mit einem Schweizer Nummernkonto: Zwei Individuen besitzen ein solches und leben in der High Society. Ein Individuum hat nun viele Millionen und das andere Individuum hat nur ein paar hunderttausend Geldeinheiten  auf seinem Konto.  Nach ein paar Monaten in der High Society kann nun das weniger betuchte Individuum diesen Standard nicht mehr halten und landet in der Gosse. Das Nummernkonto stand als Metapher für gute Gene und das Leben in der High Society als Metapher für ein komplexes Merkmal.  Ein Nummernkonto übrigens deshalb, weil hier nur der Kontoinhaber Auskunft über sein Guthaben erhält. Welche Auswirkungen hat nun das Handicap-Prinzip auf die Entstehung des menschlichen Geistes. Das Gehirn ist ein Merkmal welches enorme physiologische Leistungen vom Körper abverlangt (Nährstoffe, Sauerstoff usw.). Für die sexuelle Selektion bedeutet das also: Bietet ein Männchen ein aufwendig zu erhaltendes Merkmal dar, so wird dieses von den Weibchen eher als Partner angenommen als ein Männchen, das ein nicht so aufwendig zu erhaltendes Merkmal darbietet. Diese Bevorzugung tritt deswegen auf, de ein aufwendiges Merkmal auf gute Gene schließen lässt.

Der Vorteil beider Theorien ist es, dass sie den evolutionären Trend nach immer größeren Gehirnen erklären kann. Einmal in dem Sinn, dass ein größeres Gehirn mehr Gene in seiner Entwicklung involviert und deswegen ein valideres Urteil über die Genqualität abgibt und ein andermal in dem Sinn, dass das Gehirn ein aufwendiges zu unterhaltendes Merkmal ist und somit wiederum ein valides Urteil über die Genqualität seines Besitzers abgibt.

Eines können aber dieses beiden Theorien nicht erklären: Warum entwickelt sich eine Präferenz für irgendein Merkmal, auf welches dann sexuelle Selektionsdrücke einwirken, so dass es sich in einen Fitnessindikator oder Handicap verwandelt?

Schmückendes Genie

Wenden wir uns nun der Frage zu, auf welche Art sich Präferenzen bilden, die mittels sexueller Selektion eine Spezies formen können. Diese Frage wird um so wichtiger, wenn man sich verdeutlicht, dass diese Präferenzen sich beim Menschen durch die Entwicklung der Sprache bedingt von rein sensorischen Präferenzen zu psychologischen Präferenzen weiter entwickelt hat.

Im Laufe der Evolution entstand durch natürliche Selektion bei fast allen Spezies ein spezifisches Wahrnehmungssystem. Nehmen wir nun als Beispiel das Wahrnehmungssystem der Spezies X. Durch irgendwelche neuronalen Eigenschaften ist es besonders für Streifenmuster empfindlich, d.h. es wird durch Streifen optimal erregt. Dies kann nun dazu führen, dass ein Weibchen der Spezies X bei der Partnerwahl gestreifte Männchen vorzieht. Folglich werden die gestreiften Männchen bessere Aussichten auf Nachkommen haben als nichtgestreifte Männchen. Da beide Eigenschaften – die Streifen und die sensorische Vorliebe – vererbt werden, ist es sehr wahrscheinlich, dass die Männchen immer mehr Streifen haben werden. So könnten z. B. die Zebras ihre Streifen entwickelt haben. Natürlich hat derselbe Prozess – allerdings mit vertauschten Geschlechterrollen – auch die Streifen der weiblichen Zebras hervorgebracht.

Bei einer Affenart hat sich z. B. durch natürliche Selektion die optimale Stimulation des Wahrnehmungssystems durch reife, rote Früchte entwickelt. Das heißt durch die Farbe rot findet wieder eine optimale Erregung der entsprechenden Schaltkreise im Gehirn statt. Hat nun ein Männchen ein ziemlich rotes Gesicht, so wird es bei der Partnerwahl aufgrund der sensorischen Vorlieb vorgezogen. Dies ergibt sich per definitionem aus der sensorischen Vorliebe. In der Folge werden also die Männchen rote Gesichter entwickeln.

Nun bleibt aber noch die Frage offen, warum reine sensorische Vorlieben zu einer Bevorzugung einer bestimmten Eigenschaft führen. Nur die optimale Stimulation neuronaler Schaltkreise reicht offenbar dazu ja nicht aus. Notwendig dafür ist eine Kopplung mit einem Belohnungssystem und eine gewisse Lernfähigkeit. Im Falle der Affen könnte das folgendermaßen ausgesehen haben: Durch natürliche Selektion entwickelte sich eine Vorliebe für rote Früchte. Diese Früchte stillen den Hunger und führen bedingt durch die Kopplung mit dem Belohnungssystem zu einem „guten Gefühl“ (Sattheit). Bei einer gewissen individuellen Lernfähigkeit kann nun allein schon das sehen der roten Früchte das „gute Gefühl“ auslösen (klassische Konditionierung). Den neuronalen Schaltkreisen (die optimal auf rot ansprechen und die mit dem Belohnungssystem gekoppelt sind) ist aber nun egal, ob sie durch eine rote Frucht oder ein rotes Gesicht stimuliert werden. Man sieht also wie durch sensorische Vorlieben durch die sexuelle Selektion bestimmte Eigenschaften hervorgebracht werden können.

Interessant wird dies auch im Zusammenhang mit der Theorie der Fitnessindikatoren. Viele Merkmale, die ursprünglich durch sensorische Vorlieben herausgebildet haben sind komplex und aufwendig genug, um als valide Fitnessindikatoren zu gelten. Das Streifenmuster des Zebras, das rote Affengesicht, attraktive weibliche Brüste sind alles Beispiele von Eigenschaften, die eine hohe Entwicklungsstabilität verlangen, also im Endeffekt auf gute Gene hindeuten.

Bis jetzt haben wir also drei Theorien, die gute Aspiranten dafür sind, die geistige Evolution des Menschen zu erklären. Nur, welche der drei ist es?

Welche Theorie ist die Richtige?

Pauschal beantwortet: Keine. Nur die Kombination der drei Theorien kann die menschliche Evolution passend erklären. Die Theorie der sensorischen Vorlieben kann erklären wie eine Präferenz – sei es nun eine sensorische oder eine psychologische – entsteht. Die Selbstläufertheorie kann die Geschwindigkeit erklären, mit der sich eine Präferenz in der Population ausbreitet und die Theorie der Fitnessindikatoren kann erklären, wieso ein Merkmal überhaupt eine Rolle bei der sexuellen Selektion spielt.

Das Ganze ist bis jetzt aber unvollkommen. Unser Ziel ist ja die Erklärung des Phänomens, warum Menschen sich unterhalten lassen können. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir einen Blick auf die evolutionäre Bedeutung der Kunst werfen.

Evolution und Kunst

Die Kunst ist offensichtlich eine unsinnige Verhaltensweise, betrachtet man sie vom Standpunkt der natürlichen Selektion. Denn künstlerische Fähigkeiten bringen offensichtlich keinen Vorteil für das Überleben des Individuums. Die Fähigkeit Felsmalereien an Höhlenwände zu pinseln oder eine Statuette aus einem Stück Holz zu schnitzen sind nicht mit einem Überlebensvorteil verbunden. Sieht man das Ganze aber  mit den Augen der sexuellen Selektion, so macht Kunst wieder Sinn. Wichtig zum Verständnis der Kunst ist die Theorie der Fitnessindikatoren. Man muss Kunst als Demonstration der Fitness verstehen. Allerdings kann man auch hier einwenden, dass die Fähigkeit, Höhlenmalerei zu betreiben, auch nützlich im Sinne natürlicher Selektion ist. Zum Beispiel kann die Fähigkeit zur Malerei auch in dem Sinn gedeutet werden, dass diese eine Art des Storytelling darstellt, mit der bestimmte Informationen an die Nachkommen weitergegeben werden können.

Betrachten wir als erstes die Körperkunst. In vielen Kulturen findet man Körperkunst in Form von Narben, Tätowierungen, verformten Schädeln, Nasenpflöcke, Gaumenhölzer usw. All diesen Formen der Körperkunst haben die Eigenschaft, dass sie eine gewisse körperliche Fitness erfordern, damit sie angebracht werden können. Narben und Tätowierungen zum Beispiel verlangen von ihrem Besitzer ein Mindestmaß an Schmerzresistenz. Wie wir weiter oben bei der Theorie der Fitnessindikatoren gesehen haben, hängen eine gute körperliche Kondition und gute Gene zusammen. Der Besitz von Körperkunst deutet also bei ihrem Träger auf gute Gene hin. 

Doch wie ist der Zusammenhang zwischen Kunst im üblichen Sinn und Fitness. Um ihn zu verstehen, müssen wir uns den Begriff des erweiterten Phänotyps zu Eigen machen. Der erweiterte Phänotyp betrachtet den Organismus als Ansammlung adaptiver Effekte, die sein Überleben und seine Fortpflanzung fördern und die bis in die Umgebung hineinreichen. Dazu können evolutionär entwickelte Merkmale wie Biberdämme, Spinnweben und die Faustkeile der Hominiden zählen. Der erweiterte Phänotyp bezieht sich also auf Dinge, deren Herstellung ein hohes Maß an Fitness erfordert, die aber nicht im Individuum selbst, sondern in der Umgebung des Individuum angesiedelt sind. So verrät ein Kunstvoll verzierter, handgemachter  Schrank viel vom Können seines Erbauers. Eine hohe Qualität des Schrankes lässt auf ein gutes Geschick, gutes Koordinationsvermögen, eine hohe Vorstellungskraft, viel Kreativität und vieles mehr schließen. Als dies sind aber Eigenschaften, die eine hohe geistige Leistungsfähigkeit, also ein gesundes Gehirn und damit auch gute Gene voraussetzen. Unsere hominiden Vorfahren schufen aus dem Faustkeil, der ursprünglich ein reines Gebrauchswerkzeug war, ein Schmuckstück. Es wurden Faustkeile gefunden, die zum Gebrauch zu groß waren und auch keine Anzeichen für Benutzung aufwiesen.  Diese Art von Faustkeil kann als erweiterter Phänotyp gedient haben. Stellt sich nur noch die Frage ob ein Faustkeil auch ein guter Fitnessindikator ist. Heutige Experten brauchen ca. sechs Monate, bis sie es beherrschen ein Faustkeil aus einem Stück Stein zu schlagen. Dies bedeutet also, dass die Herstellung eines Feuerstein eine Menge an kognitiven Fähigkeiten verlangt: Koordinationsvermögen, Vorstellungskraft, körperliche Kraft, unempfindliche Hände usw.

Die Kunst als Fitnessindikator erklärt auch die bei den meisten Menschen übliche Präferenz für Alltagskunst. Im Zeitalter vor der Massenproduktion von Alltagsgegenständen war z. B. die Oberfläche eines Löffels niemals besonders glatt. Eine relativ glatte Oberfläche verriet also viel von der Fitness der Löffelmachers. Im Zeitalter der Massenproduktion ist aber ein schöner Löffel nur noch selten handgemacht. Die Kunst musste sich also einen anderen Weg suchen und wurde so immer abstrakter. Unsere evolutionären Mechanismen hatten aber noch nicht genügend Zeit sich an diese Veränderung anzupassen und deshalb schätzen die meisten Menschen noch die Alltagskunst statt die abstrakten Kunstwerke moderner Künstler. Häufig sind Kommentare zu hören wie „Das könnte mein Jüngster auch!“ die dann einfach ausdrücken, dass es keiner besonderen Fähigkeiten Bedarf um solch ein Kunstwerk zu schaffen. Bei den meisten Künstlern stand aber am Anfang ihrer Karriere aber die einfache Kunst, die einem Können abverlangt.

Nun könnte man aber argumentieren, dass es sich bei der Kunst um eine durch die Kultur hervorbrachte Eigenschaft handelt. Wir müssen den Nachweis erbringen, dass noch andere Spezies Kunst schaffen oder unsere frühesten gemeinsamen Vorfahren nicht zur Kunst fähig waren. Laubenvögel bauen große, geschmückte Nester einzig zum Zweck der Partnerwerbung. Die Laubenvögel sind ca. 15 cm groß und bauen Nester von ca. 2,5 Metern Höhe. Sie sammeln Beeren und Federn anderer Vögel und schmücken damit ihr Nest. Dabei benutzen sie manchmal die Federn, die sie im Schnabel halten, wie kleine Pinsel. Ferner müssen sie auch noch über die nötige Körperkraft verfügen, um ihr Nest gegen Widersacher zu verteidigen. Man sieht, dass dies alles ein hohes Maß an Fitness voraussetzt. Im Übrigen sind die Laubenvögel die einzige nicht-menschliche Spezies, die zu einer Art  Kunst fähig ist.

Bleibt nur noch der Einwand auszuräumen, dass manche Primatenarten zu Kunst fähig seinen. Es gab Versuche, in den Affen Bilder malen sollten, was ihnen augenscheinlich auch gelang. Beim nähren Hinsehen ist dies aber nicht haltbar. Lässt man ihnen das Papier lange genug liegen und damit die Affen es bemalen können, so füllen sie es einfach weiter mit Farbe aus und wenden sich später auch anderen Gegenständen zu um diese zu bemalen. Sind Formen auf dem Papier aufgebracht, so folgen sie in ihrer Maltechnik einfach diesen.

Wie unterhält uns die Evolution aber nun?

Nachdem nun die Kunst in einen evolutionären Kontext gerückt wurde, bleibt noch die Hauptfrage zu klären, wie das Phänomen der Unterhaltung sich im Laufe der menschlichen Phylogenese sich entwickeln konnte. Unterhaltung findet heute meistens in den Medien statt. Dazu zählen im Allgemeinen Fernsehen, Kino, Theater, Radio, Computer usw. Vieles davon ist auch Kunst und so könnte man denken, dass sich das Unterhaltungsphänomen mit den gleichen Prinzipien erklären lässt wie die Kunst. Die Fähigkeit Unterhaltung zu schaffen ist damit leicht erklärt, es erklärt aber nicht die schon suchtartige Suche nach dauernd Neuem. Würde die gleiche Erklärung auf das Unterhaltungsphänomen zutreffen wie auf die Kunst, so würden wir jeden mediale Darbietung, die einigermaßen aufwendig ist, schätzen. Bekommt man aber dauernd die gleichen Inhalte dargeboten so wird dies mit der Zeit langweilig, man wendet sich von der Darbietung ab und vielleicht schätzt man sie in der Folgezeit nicht mehr als Unterhaltung. Ein zentrales Kennzeichen guter Unterhaltung ist ständig Neues und Unerwartetes. Ein guter Regisseur steigert die Spannung und löst sie dann in einem nicht vorherzusehenden Showdown auf. Würde man immer nur das gleiche zur Unterhaltung geboten bekommen, würde man sich mit der Zeit langweilen. Ziel einer evolutionären Analyse der Unterhaltung muss es also sein, diejenigen Bedingungen aufzuzeigen, die zum Phänomen der Unterhaltung geführt haben.

Wie schon erwähnt ist ein zentrales Kennzeichen der Unterhaltung ständig neue Inhalte zu liefern. Wir müssen demnach nach Bedingungen suchen, die das hervorbringen ständig neuer Verhaltensweisen hervorbringen. Das hervorbringen neuer Inhalte ist ein kreativer Prozess, bei dem ständig bekannte Formen der Darbietung neu kombiniert werden. Diese Kombinationsmöglichkeiten stellen einen Zufallsprozess dar. Beim Jazzspielen zum Beispiel werden bekannte Melodiestücke neu kombiniert und schaffen auf diese Weise immer neuen Output. Wir müssen also nach Selektionsdrücken suchen, die die Entstehung zufälligen Verhaltens fördern.

Wenn man annimmt, dass unsere Vorfahren in sozialen Gruppen gelebt haben, so mussten sie bestimmt erkannt haben, dass es möglich ist, unter bestimmten Bedingungen das Verhalten anderer vorherzusagen und zum eigenen Vorteil zu nutzen. Spricht man in der Sprache der Spieltheorie so handelt es sich einfach um Spiele. Um ein Spiel zu gewinnen ist es nützlich zu wissen, was der Gegner tun wird um entsprechend seine eigenen Spielzüge zu planen. Für den Gegenspieler ist es folglich nützlich seine Handlungsabsichten zu verschleiern. Die Lösung liegt nun darin, dass die Spieler ihr Verhalten randomisieren, damit der Gegner das Verhalten nicht vorhersagen kann. Randomisieren bedeutet hier, immer neue Kombinationen von Handlungselementen zu finden.  In der Spieltheorie spricht man von gemischten Strategien. In der Biologie bezeichnet man solch zufälliges Verhalten als proteisches Verhalten und die Fähigkeit zu diesem als Proteismus. Die Evolution müsste Gene bevorzugt haben, die es ermöglichen das Verhalten zufällig zu bestimmen. Andere Gene müssen ausgestorben sein, da ihre Besitzer sich zu voraussehbar verhielten und somit leicht hinters Licht zu führen waren. Folgendes Beispiel kann das verdeutlichen: Wählt ein Tier auf der Flucht immer den kürzesten Weg und wird dies vom Räuber als eine Regel  erkannt, so ist dies für die Beute von Nachteil. Kann das Beutetier aber seinen Fluchtweg immer durch Zufall bestimmen, so wird es für den Jäger ungleich schwerer es zu fangen. Die Evolution muss eine solche Fähigkeit als durch bessere Überlebenschancen bevorzugt haben und es müssen sich auch Gehirnareale entwickelt haben, die für die Randomisierung des Verhaltens verantwortlich sind.

Solche Individuen, die ihr Verhalten gut randomisieren konnten, mussten aber auch bevorzugte Partner gewesen sein. Erstens, weil sie ihre vorteilhaften Gene an den Nachwuchs weitergeben konnten und zweitens weil sie durch ihre Randomisierungsfähigkeiten die Chancen zum Überleben des Partners mit verbesserten. Das bedeutet: Die sexuelle Selektion solche Merkmale hoch bewertet hat, welche die Fähigkeit zum Proteismus valide zeigen.

Sucht man nun beim Menschen nach solchen proteischen Fähigkeiten, so gelangt man zur Kreativität. Kreativität besteht darin, alt bekannte Inhalte und Formen neu zu kombinieren. Kreativität ist die Fähigkeit, in der sich die Menschen in einer differentiellen Sichtweise unterscheiden und die aus kognitiver Sicht den Menschen befähigt Probleme innovativ zu lösen. Kreativität kann also als Demonstration der proteischer Fähigkeiten verstanden werden. Weiterhin gibt es einen Zusammenhang zwischen Kreativität und Intelligenz, so dass die Darbietung kreativer Fähigkeiten auch als Demonstration der Intelligenz dienen kann. Intelligenz ist aber ein wichtiges Kriterium der Partnerwahl. Weiterhin gibt es Zusammenhänge zwischen Intelligenz und Körpergröße, Gesundheit und sozialem Status. All dies sind wichtige Kriterien der Partnerwahl. Wir wissen nun soweit, warum die Darbietung kreativer Fähigkeiten wichtig für die sexuelle Selektion ist. Wir müssen nun noch den Zusammenhang zwischen Kreativität und der Fähigkeit Unterhaltung zu produzieren und der Fähigkeit Unterhaltung zu rezipieren herstellen.

Die Fähigkeit zur Produktion von Unterhaltung äußert sich für gewöhnlich in Filmen, Gedichten, Literatur, Theaterstücken, Zeichentrickserien usw.  Diese Demonstrationen der Kreativität dienen auch als Jungendindikator. Partner, die Anzeichen von Jungend und Fruchtbarkeit zeigen werden solchen bevorzugt, welche Zeichen von Alter und Unfruchtbarkeit zeigen. Was hat aber nun Kreativität mit Jugend zu tun. Die Lösung liegt im Spielverhalten. Spielverhalten zeigt sich meist bei Kinder und Jugendlichen. Aber auch Erwachsene zeigen in manchen Situationen Spielverhalten. Spielverhalten dient bei den meisten Tierarten zum Einüben von bestimmten Fähigkeiten wie Kampf und Flucht. Auch Menschenkinder üben im Spiel rudimentäre Fähigkeiten wie zum Beispiel Explorations- und Sozialverhalten. Im Laufe der Entwicklung lässt dieses Spielverhalten immer mehr nach. Ein zentrales Merkmal des Spielverhaltens ist es, dass neue Verhaltensmöglichkeiten kombiniert und ausprobiert werden. Im Spielverhalten manifestieren sich als kreative Fähigkeiten. Zeigt ein Erwachsener Mensch also Spielverhalten, so ist dies nicht nur eine Demonstration von Kreativität sonders drüber hinaus noch eine Demonstration von Jugend. Über die Demonstration von Jugend hinaus dient aber das Spielverhalten noch als Demonstration von Fitness. Spielverhalten kostet Zeit und Energie. Für die Erwachsenen ist es noch kostenintensiver als für Kinder, da Kinder nur um das Überleben konkurrieren, Erwachsene aber noch zusätzlich um den Zugang zu Sexualpartnern konkurrieren. Spielverhalten von Erwachsenen ist also zusätzlich noch ein Fitneßssindikator. Das Spielverhalten erklärt Darbietungen, die viel Fitness erfordern wie Tänze oder ähnliches. Aber weniger energieintensive Darbietungen wie Literatur, Musik oder Filme werden dadurch nicht erklärt. Es zeigt sich aber ein Zusammenhang zwischen guter Unterhaltung und der Menge an Darbietungen, die ein Individuum anfertigt. Die meisten bekannten und guten Komponisten haben nicht nur gute Stücke komponiert, sondern auch viele. Zwar bedeutet viel nicht immer gut, aber durch die Menge an Geschaffenem ist die Wahrscheinlichkeit höher, darunter auch einzigartige Stücke zu schaffen. Bei Malern gibt es auch einen solchen Zusammenhang. Und als ein Beispiel für solche Darbietungen in der Psychologie kann Hans Jürgen Eysenck dienen. Somit ergibt sich auch hier wieder ein Zusammenhang mit der Fitness. Eine solche kreative Schöpfungskraft (eine geistige Leistung) erfordert auch viel physiologische Energie, da das Gehirn sehr energieintensiv arbeitet. Soweit können wir also nun erklären, warum Menschen solche Darbietungen schaffen.

Wir müssen nun aber noch erklären, warum Menschen für Unterhaltung empfänglich sind. Wie oben schon erwähnt ist ein zentrales Merkmal guter Unterhaltung, dass sie ständig neue Inhalte liefert. Nun ist der Mensch aber ein Spezies die extrem neophil ist. Und in dieser Neophilie ist auch der Grund zu suchen, warum es Unterhaltung gibt. Das Gehirn eines Menschen schafft ein Modell seiner Welt und liefert ständig Erwartungen was als nächstes passieren wird. Passiert etwas unerwartetes, etwas Neues oder etwas, was aus einer neuen Kombination von altbekannten Elementen besteht, so zieht das unsere Aufmerksamkeit an. Darwin sah in der Neophilie die grundlegende Kraft der sexuellen Selektion. Belege für die Wichtigkeit der Neophilie in der Partnerwerbung liefern Vögel. Die Weibchen einiger Vogelarten ziehen Männchen, die ständig neue Gesangsmuster „erfinden“ den Männchen vor, die nur ihr schon bekanntes Repertoire darbieten. Auch Primaten sind extrem neophil. Sind Primaten im Zoo nicht in einer sozialen Gruppe, beginnen sie sich schnell zu langweilen. Die Primatologin Meredith Small nimmt an, dass die Suche nach Neuem das einzig beständige bei Primaten ist. Es könnte sich also durch sexuelle Selektion die Fähigkeit zur Unterhaltung entwickelt haben. Man kann bei der Partnerwahl entweder das neue in der Anzahl der Partner oder im Abwechslungsreichtum eines einzigen Partners suchen. Nach Norbert Bischof (1989) ist das Erzeugen von Erregung (nicht im sexuellen Sinn) ein wesentliches Element, was Partner zusammenhält. Bringt ein Partner es nicht fertig, den Anderen entsprechend zu unterhalten, wird sich die Beziehung wahrscheinlich auflösen Diese Suche nach neuem ist die Grundlage der heutigen Unterhaltungsindustrie. Was ist aber das Kennzeichen guter Unterhaltung. Die Unterhaltungsindustrie erzeugt nicht ständig neue Formen sondern sie kombiniert alt bekannte Elemente zu neuen. Darin liegt wahrscheinlich auch die Psychologie des Witzes. Die Komiker der Stummfilmära kombinierten einfach verschieden Handlungselemente mit einer Situation, in der sie nicht erwartet wurden. Zusammenfassend kann man also sagen, dass sich die Suche nach Neuem durch sexuelle Selektion entwickelt hat. Zum Abschluss möchte ich die Moskauer Autorin Anna Marinina zu Wort kommen lassen. Dieses Zitat aus einer Themensendung des Senders Phoenix am 12 Dezember 2002. Anna Marinina ist ehemalige Kriminologin und Milizmitglied und arbeitet jetzt als erfolgreiche Krimiautorin. Ihre Bücher sind unter anderem in Deutsch und Französisch übersetzt worden „...wenn ich meinen Lesern nichts Neues biete, werden sie meine Bücher nicht mehr kaufen.“

Literatur

Bischof, N. (1989). Das Rätsel Ödipus. München: Piper.

Buss, D. M. (1991). Evolutionary Personality Psychology. Annual Review of Psychology, 42, 459-491.

Buss, D. M. (2000). Evolutionary Psychology: The New Science of the Mind. Boston: Allyn and Bacon

Henss, R. (1998). Gesicht und Persönlichkeitseindruck. Göttingen: Hogrefe.

Miller, G. F. (2000). Die sexuelle Evolution. Heidelberg: Spektrum.