Zusammenfassung:
Dieser Text gibt eine Übersicht über die Grundlagen der Evolutionspsychologie. Zuerst wird die Evolutionspsychologie charakterisiert und Nachbarfächern gegenübergestellt. So dann wird die Entstehung evolvierter psychologischer Mechanismen dargestellt und einige Missverständnisse über die Evolutionspsychologie besprochen. Der Text schließt mit einer kurzen Darstellung der verwendeten Methoden.

 

 

Die Analyse menschlichen Verhalten lässt sich anhand der von Niko Tinbergen 1963 aufgestellten Kriterien kategorisieren:

  1. Eine proximate Erklärung der vermittelnden und regulierenden physiologischen und psychologischen Mechanismen,
  2. die Ontogenese dieser proximaten Mechanismen,
  3. eine ultimate (evolutionäre) Erklärung, wie der Mechanismus durch die natürliche Selektion geformt wurde, also seine Fitness fördernde Funktion, und
  4. die phylogenetische Beschreibung.


In der Kognitiven und der biologischen Psychologie bemüht man sich um eine proximate Erklärung der vermittelnden und regulierenden physiologischen und psychologischen Mechanismen. In der Entwicklungspsychologie steht dann die Ontogenese dieser proximaten Mechanismen im Vordergrund. In der Evolutionspsychologie wird noch eine Erklärungsebene hinzugefügt: die ultimate Erklärung.

Proximate Erklärungen beschreiben und erklären psychologische und physiologische Vorgänge und distale Erklärungen beschreiben deren ontogenetische Entwicklung. Die Frage, warum ein Phänomen sich aber überhaupt in der Phylogenese entwickeln konnte, welchen Zweck es hat und welchen Reproduktionsvorteil es bringt, wird von einer ultimaten Erklärung beantwortet. Ultimate und proximate Erklärungen verhalten sich komplementär, d. h., zu einer ultimaten Erklärung sind jeweils auch die proximalen Ursachen eines Phänomens darzulegen. Ultimate Erklärungen eignen sich dazu, eine Reihe von low-level Theorien zu strukturieren (Euler, 2000).

Die Evolutionstheorie beschäftigt sich mit der Frage, warum im Laufe der Phylogenese bestimmte Anpassungen entstehen. Wenn solche Anpassung erfolgt ist, kann man nun weiter fragen, warum sie entstehen. Man fragt also nach dem ultimaten Ziel evolutionärer Anpassungen.

Das ultimate Ziel solcher Anpassungen ist die Weitergabe des individuellen Genoms an die Nachkommen, nicht das Überleben des Individuums. Das „Erzeugen“ möglichst vieler Nachkommen wird als Fitness bezeichnet, d. h., Fitness ist ein Maß dafür, wie angepasst ein Individuum an seine Umwelt ist. Fitness wird an der Zahl der Nachkommen gemessen (Gaulin & McBurney, 2000). Die Weitergabe des Genoms geschieht durch sexuelle Fortpflanzung (zumindest ist dies beim Menschen und den meisten anderen Säugetieren der Fall). Nach Hamiltons Theorie der inklusiven Fitness (Hamilton, 1964) kann diese Weitergabe von Genen an nachfolgende Generationen aber auch durch Hilfeleistungen gegenüber Verwandten erfolgen. Die Weitergabe von eigenen Genen an mögliche Nachkommen entsteht hierbei durch Handlungen, die den reproduktiven Erfolg von Verwandten (und damit auch zu einem gewissen Teil des eigenen Genoms) erhöht (Buss, 1999). Dies ist deshalb möglich, da Verwandte zu einem gewissen Teil auch Anteile des eigenen Genoms in sich tragen und damit an nachfolgende Generationen weitergeben können. So teilen z. B. Geschwister 50 % ihrer Gene. (Hamiltons Theorie ermöglicht es auch das Phänomen des Altruismus zu erklären, was die ursprüngliche Theorie von Darwin nicht gestattet [Gaulin & McBurney, 2000]).

Was unterscheidet die Evolutionspsychologie nun aber weiterhin von den anderen Teildisziplinen der Psychologie. Ein wesentlicher Unterschied liegt darin, dass in den meisten Teildisziplinen das Sozialwissenschaftliche Standardmodell (Standard Social Siences Model) als Menschbild Verwendung findet. Das SSSM stammt aus der Schule der britischen Empiristen (Cosmides & Tooby, 1997), nach deren Ansicht der Mensch bei seiner Geburt eine Tabula rasa ist, der durch wenige, angeborene Mechanismen (wie z. B. den Wahrnehmungsapparat) sein Verhalten und Wissen erwirbt. Lernen ist nach der Sicht des SSSM also ein wichtiger Faktor um Verhalten beim Menschen zu formen (Gaulin & McBurney, 2000). Cosmides und Tooby (1997) weisen darauf hin, dass es im SSSM jeweils dieselben Mechanismen sind, die steuern, wie ein Individuum die Sprache erwirbt, das Decodieren emotionaler Ausdrücke erlernt, Ideen und Einstellungen erwirbt, usw. Es sind also nicht bereichsspezifische Mechanismen des Wissenserwerbs.

Eine Folge dieser Sichtweise ist, dass die Psyche eines Menschen ein soziales Konstrukt und folglich auch losgelöst von jeglicher evolutionären oder psychologischen Grundlage ist (Tooby & Cosmides, 1992). Neuere Erkenntnisse widerlegen aber diese Sichtweise. So wird z. B. in der kognitiven Entwicklungspsychologie gezeigt, dass Säuglinge schon früh physikalisches, also bereichsspezifisches Wissen besitzen. So kann man zeigen, dass Säuglinge schon ein Wissen über die Kontinuität und Solidität von Gegenständen besitzen. Bietet man ihnen verdeckte Objektbewegungen dar, so blicken sie länger auf solche Bewegungen, die mit den Prinzipien der Kontinuität und Solidität konsistent (physikalisch möglich) sind (Sodian, 1998). Also besitzen schon Kleinkinder Wissen, dass sie nicht erworben haben können, sondern das angeboren ist.

Die Evolutionspsychologie geht davon aus, dass sich eine bestimmte Ansammlung solcher Mechanismen entwickelt hat. Diese Mechanismen sind funktionell spezialisiert und in aller Regel bereichsspezifisch (Cosmides & Tooby, 1997). Derartige Mechanismen bieten einen allgemeinen Rahmen, wie man anderen Menschen wahrnimmt, Ereignisse oder Handlungen interpretiert und auch wie man sich selbst verhält. Diese Mechanismen sind speziesuniversell und somit auch kulturübergreifend, dies konnte von Buss (1989) in einer kulturübergreifenden Studie über Präferenzen bei der Partnerwahl gezeigt werden. Blickt man wieder in die kognitive Entwicklungspsychologie, so sind hier z. B. die intuitive Physik und intuitive Psychologie zu nennen, die als angeborene, bereichsspezifische Wissensbereiche etabliert sind (Sodian, 1998).

Diese Mechanismen sind aber nicht notwendigerweise auch ontogenetisch universell (Euler, 2000). Nicht ontogenetisch universell bedeutet, dass sich ein Mechanismus nicht unbedingt in der Entwicklung eines Individuums zeigen muss, z. B. wegen fehlender Anregung durch die Umwelt.

Eine andere Abgrenzung der Evolutionspsychologie liegt in der Kontrastierung gegen die Humanethologie und Soziobiologie. Die Ethologie entstand als Reaktion auf den Behaviorismus und seiner einseitigen Betonung der Umweltabhängigkeit des Verhaltens (Buss, 1999). Ethologie ist „the study of the proximate mechanisms and adaptive value of animal behavior“ (Alcock, 1989, zitiert nach Buss, 1995). Die Ethologie ist also an den vier Erklärungen des Verhaltens nach Tinbergen ebenso interessiert wie die Evolutionspsychologie. Der Ethologie mangelt es aber an klaren Kriterien zur Identifikation evolutionärer Anpassungen.

Die Soziobiologie ist eine Synthese aus Zellbiologie, Neurophysiologie, Ethologie, vergleichender Psychologie, Populationsbiologie und Verhaltensökologie (Buss, 1995). Der Bereich, mit dem sich die Soziobiologie beschäftigt bezieht, sich nicht nur auf die Spezies homo sapiens sapiens, sondern auf alle Arten. Die zeigt sich auch an dem grundlegenden Werk der Soziobiologie, dem von Edward O. Wilson verfassten Werk Sociobiology: The New Synthesis, in dem sich nur das letzte Kapitel mit dem Menschen befasst.

Die Soziobiologie nimmt an, dass es einen allgemeinen psychologischen Mechanismus gibt, der bewirkt, dass ein Individuum seinen Reproduktionserfolg zu maximieren will. Dies ist nicht möglich, da man den Reproduktionserfolg eines Individuums in der Regel während der Lebenszeit eines Individuums nicht messen kann. Dies ist bekannt als die „Sociobiological Fallacy“ (Buss, 1991). Nach Asendorpf und Banse (2000) besteht der Unterschied zwischen der Soziobiologie und der Evolutionspsychologie darin, dass die Soziobiologie lediglich versucht Verhaltensweisen als phylogenetische Anpassungen zu erklären, wohingegen die Evolutionspsychologie sich mit den vermittelnden Mechanismen, die Verhalten bedingen, beschäftigt.

Nach den Abgrenzungen der Evolutionspsychologie von der Ethologie und Soziobiologie und der Darstellung ihrer Grundannahme über die Natur des menschlichen Verhaltens und Erlebens, werden nun die Grundlagen der Evolutionstheorie und ihre Anwendung in der Evolutionspsychologie dargestellt.

Dazu wird als Erstes die Frage aufgegriffen, wie im Verlauf der Evolution Strukturen entstehen können. Strukturen in unserem Sinn sind die oben erwähnten, allgemeinen, bereichsspezifischen Mechanismen. Strukturen entstehen aufgrund von Selektionsvorteilen (im Sinne der natürlichen oder sexuellen Selektion) schon vorhandener Strukturen. Der Evoltuionsprozess kann dabei nur an den diesen vorhandenen Strukturen ablaufen, der Prozess kann keine eigenen Veränderungen „vornehmen“ (Euler, 2000). Evolution ist ein probabilistischer und kein deterministischer Prozess, die Richtung des evolutionären Prozesses ist nicht vorgegeben.

Dieser Prozess bringt nun drei Produkte hervor: Adaptationen, Nebenprodukte und Rauschen (Buss, 1999). Adaptationen sind vererbte, durch natürliche Selektion entstandene Strukturen oder Mechanismen, die eine Anpassung an die Umwelt darstellten und die dadurch den Reproduktionsvorteil eines Individuums während der Zeit ihrer Entwicklung erhöhten. Nebenprodukte sind nicht funktional im Sinne einer Anpassung an die Umwelt und damit nicht funktional. Rauschen wird durch zufällig eintretende Veränderungen während der Entwicklung, Mutationen oder plötzlich sich verändernde Umweltbedingungen erzeugt. Buss (1995) führt als Beispiel den Bauchnabel an. Das eigentliche Produkt ist hier die Nabelschnur, der das Überleben der Fetus im Mutterleib sichert. Das Nebenprodukt ist der Bauchnabel, das als Überbleibsel der Nabelschnur an jedem Individuum zu sehen ist. Das Rauschen manifestiert sich in der individuellen Form des Bauchnabels.

Da Evolution ein probabilistischer Prozess ist, ist die Entstehung der Mechanismen also nur vom Zufall abhängig. Veränderungen entstehen am Anfang also ohne einen Nutzen. Erst wenn diese Veränderung den Reproduktionsvorteil erhöht, wird sie sich durchsetzen. Dies geschieht über die Erhöhung des differenziellen Reproduktionserfolgs eines Individuums. Der differenzielle Reproduktionserfolg ist definiert als die Steigerung in der Anzahl der Nachkommen, die eine Adaptation gegenüber anderen Individuen bietet (Buss, 1999). Durch die gegenüber der Konkurrenz erhöhte Anzahl der Nachkommen und dadurch, dass die Adaptation auch in den meisten Nachkommen vorhanden ist, findet sich die zu Beginn zufällig entstandene Veränderung in der folgenden Generation in mehr Individuen und kann mit größerer Wahrscheinlichkeit an noch mehr Nachkommen weitergegeben werden. Hierdurch wird die Adaptation Bestandteil des Genoms einer Spezies. Die Umwelt, in der die Veränderungen entstehen, nennt man die environment of evolutionary adaptedness (EEA). Die EEA ist die vergangene Umwelt, in der eine Anpassung durch natürliche und sexuelle Selektion entstand (Gaulin & McBurney, 2000). Die EEA ist definiert durch die statistische Verteilung der Selektionsdrucke während des Evolutionsprozesses (Buss, 1995, Tooby & Cosmides, 1992). Anpassung an die EEA ist ein sehr langsamer Prozess ist, der sich über viele Generationen erfolgt. Da sich aber die Umwelt in der Regel schneller verändert als die Anpassungen erfolgen, sind die jeweils entstandenen Mechanismen für die derzeitige Umwelt nicht mehr optimal, sondern optimal für die vergangene Umwelt. (Buss, 1995, S. 20). Dies wird als evolutionärer time lag bezeichnet. Menschen tragen demnach ein Steinzeitgehirn in einer modernen Umwelt mit sich (Buss, 1995, Cosmides & Tooby, 1997). Man muss aber beachten, dass dies nicht für alle Adaptationen gilt, z. B. ist der physiologische Mechanismus, der die Haut bei Sonneneinstrahlung bräunen lässt, eine optimale Anpassung, den die Umwelt hat sich seit der Zeit der Entstehung dieses nicht sehr viel geändert. Die Sonneneinstrahlung sorgt nach wie vor dafür, dass sich die menschliche Haut dieser anpassen muss.

Welche Anforderungen werden nun an eine evolutionäre Anpassung gestellt. Anpassungsleistungen müssen ihren Zweck mit hinreichender Präzision, Ökonomie, Effizienz und Zuverlässigkeit erfüllen (Buss, 1999).

Adaptationen sind bereichsspezifisch, d. h., sie sind auf speziell die jeweiligen Selektionsdrucke einer Umwelt zugeschnitten, in der diese entstanden sind (Euler, 2000). Nach Symons (1987) kann es keine allgemeinen Anpassungen geben, da es keine allgemeinen Anpassungsprobleme gibt. Die menschliche Psyche kann somit als eine Ansammlung von speziellen Werkzeugen, eine adaptive toolbox, gesehen werden. Die Werkzeuge sind analytisch trennbar und funktional integriert (Euler, 2000). Gelegentlich werden diese speziellen Werkzeuge werden als darwinsche Algorithmen bezeichnet und stellen für ihren Zweck einfache und hinreichend gute Werkzeuge dar. Zum Beispiel stellen die von Gigerenzer, Todd & ABC Research Group (1999) vorgestellten Heuristiken solche Werkzeuge dar. Einige Autoren sind aber der Meinung, dass die Existenz solcher Spezialwerkzeuge nicht die Existenz eines Allroundwerkzeuges ausschließt (Euler, 2000).

Bis hier war die Rede von Strukturen und Mechanismen als Anpassungsleitungen. Der Begriff Struktur bezieht sich weitestgehend auf anatomische oder physiologische Anpassungen. Anpassungen im Sinne der Evolutionspsychologie sind psychologische Abläufe und Funktionen. Man spricht von evolvierten psychologischen Mechanismen (evolved psychological mechanism). Nach den oben angeführten Eigenschaften dieser psychologischen Mechanismen wird nun eine Definition gegeben und ihre wichtigsten Eigenschaften zusammenfassend dargestellt.

Psychologische Mechanismen werden durch folgende Charakteristika beschrieben (Buss, 1999):

  1. Ein evolvierter psychologischer Mechanismus existiert in seiner Form deshalb, da er in der vergangenen Umwelt der evolutionären Anpassung (EEA) den Überlebens- oder Reproduktionserfolg erfolgreich sicherte.
  2. Ein psychologischer Mechanismus ist dafür gemacht, nur eine bestimmte Art von Information zu verarbeiten.
  3. Der Input eines EPM gibt dem Organismus eine Information über das spezielle Anpassungsproblem, dem der Organismus begegnen muss.
  4. Der Input, den ein psychologischer Mechanismus erhält, wird durch Entscheidungsregeln in Output umgesetzt.
  5. Der Output eines psychologischen Mechanismus kann physiologische Aktivität, Informationen für einen weiteren psychologischen Mechanismus oder manifestes Verhalten sein.
  6. Der Output eines psychologischen Mechanismus ist darauf gerichtet, ein spezifisches adaptives Problem zu lösen.


Darüber hinaus hat Buss (1999) die wichtigsten Eigenschaften eines psychologischen Mechanismus zusammengestellt:

  1. Evolvierte psychologische Mechanismen bieten nicht künstlich festgelegte Kriterien zur Gliederung der Psychologie.
  2. Evolvierte psychologische Mechanismen sind problemspezifisch.
  3. Menschen besitzen viele evolvierte psychologische Mechanismen.
  4. Die Spezifität, Komplexität und große Anzahl psychologischer Mechanismen geben dem menschlichen Verhalten Flexibilität.


Zusammenfassend kann man festhalten, dass ein evolvierter psychologischer Mechanismus eine bereichsspezifische Anpassung an die Umwelt darstellt, der dieser Mechanismus für unsere Vorfahren deren differenziellen Reproduktionserfolg erhöhte. Die evolvierten psychologischen Mechanismen dienen dazu, einen spezifischen Input in einen spezifischen Output auf der Verhaltensebene umzuwandeln. Die Aufgabe der Evolutionspsychologie besteht darin, diese evolvierten psychologischen Mechanismen zu erkennen und die zwischen Input und Output vermittelnden Abläufe aufzuklären (Asendorpf & Banse, 2000).

Nachdem nun die Grundlagen der Evolutionstheorie und –Psychologie dargestellt und die Eigenschaften der aus dem Evolutionsprozess entstandenen psychologischen Mechanismen erläutert wurden, müssen nun aber noch einige Missverständnisse geklärt werden, die häufig im Zusammenhang mit der Evolutionstheorie auftreten.

Ein erstes Missverständnis besteht darin, dass die Evolutionstheorie menschliches Verhalten als genetisch determiniert ansieht. Genetischer Determinismus bedeutet, dass jegliches Verhalten ausschließlich oder zum größten Teil endogene Ursachen hat. Dies ist aber falsch. Menschliches Verhalten kann ohne Anpassungen und diese Anpassungen auslösenden Umweltbedingungen nicht stattfinden (Buss, 1999). Ein Beispiel dafür ist die Hornhautbildung. Ohne die Reibung an der Haut kann sich keine Hornhaut bilden, aber ohne die genetisch angelegte Möglichkeit zur Hornhautbildung ist dies auch nicht möglich. Hornhaut bildet sich also durch eine Gen-Umwelt-Interaktion (Buss, 1995; Asendorpf & Banse, 2000).

Ein weiteres Missverständnis ist die Annahme, dass genetisch bedingte Verhaltensweisen sich nicht ändern lassen. Nicht das Verhalten an sich ist genetisch determiniert, sondern nur der das Verhalten auslösende Mechanismus. Zum Beispiel hat der Mensch eine Vorliebe für nahrhafte Lebensmittel, doch zwingt einem das nicht dazu, die ganze Zeit Schokolade zu essen (Asendorpf & Banse, 2000). Der Mensch hat sich also von den genetisch festgelegten Verhaltensweisen, die bei niederen Lebewesen zum größten Teil das Verhalten bestimmen emanzipiert (Immelmann, Scherer, Vogel, 1988).

Ein weiteres Missverständnis ist, dass die heutigen Anpassungen optimal sind. Die ist deshalb falsch, da sich evolutionäre Anpassungen erst über Tausende von Generationen entstehen (s. o. die Ausführungen zum time lag von Adaptationen). Aus diesem Grund sind die heute zu findenden Strukturen und Mechanismen nicht optimal auf unsere heutige Umwelt abgestimmt. Zum Beispiel hat der Mensch mehr Angst vor Spinnen, was aber in der heutigen Umwelt fast unnötig ist. Stattdessen wäre wohl eher Angst vor Autos angebracht. Diese gibt es aber noch nicht lange genug, als dass sich solch eine Anpassung hätte vollziehen können (Buss, 1999).

Ein anderes Missverständnis ist die Annahme, die Evolutionspsychologie liefere nur post hoc Erklärungen für Phänomene. Sicherlich ist es richtig, dass Evolutionsverläufe nicht direkt in der Phylogenese beobachtet werden können. Aber trotzdem ist es möglich, Hypothesen aus evolutionspsychologischen Theorien abzuleiten, die auch empirisch überprüft werden können (Asendorpf & Banse, 2000). So haben Buss, Larsen, Westen & Semmelroth (1992) eine Hypothese über Geschlechtsunterschiede in der Eifersucht untersucht und bestätigt. Überdies wird in der biologischen Forschung eine Simulation von Evolutionsprozessen mithilfe kurzlebigen Organismus, die über mehrere Generationen hinweg beobachtet werden, simuliert. Auf diese Weise ist es auch möglich, evolutionäre Prozesse mithilfe experimenteller Methoden zu untersuchen.

Zwei weitere Missverständnisse sind, dass die Evolution sozial unerwünschtes Verhalten rechtfertigt und dass Evolution keine Rolle mehr spielt. Das erste Missverständnis ist prinzipieller Natur. Denn keine Theorie kann sozial unerwünschtes Verhalten rechtfertigen. Sicherlich ist es auch richtig, dass evolutionäre Anpassungen lange Zeit brauchen und deshalb heute nicht mehr zum Tragen kommen, aber die vergangene Evolution spielt eine große Rolle für den heutigen Menschen. So ist das Verlangen nach sehr fettreicher Nahrung in der vergangenen Umwelt nützlich gewesen. Heute aber stellt es wegen der fast unbegrenzten Nahrungsversorgung (zumindest für die Bewohner in den Industrienationen) eine Gefahr für das körperliche Wohlbefinden da (Asendorpf & Banse, 2000).

Zum Abschluss werden die Analyseebenen und dazu einige Methoden der Prüfung von Hypothesen in der Evolutionspsychologie behandelt. Eines der grundlegenden Merkmale der Psychologie im Allgemeinen ist die Formulierung von empirischen Hypothesen, die aus theoretischen Annahmen abgeleitet wurden und die mithilfe experimenteller Methoden überprüft werden.

In der Evolutionspsychologie betreffen diese Hypothesen in den allermeisten Fällen adaptive Probleme und d, die evolvierten psychologischen Mechanismen (Buss, 1999). Zur Ableitung einer Hypothese wird eine Theorie benötigt. In der Evolutionspsychologie unterscheidet man bei den Theorien zwischen der allgemeinen evolutionären Theorie, evolutionären und Theorien mittlerer Ebene. Aus der allgemeinen evolutionären werden die Theorien der mittleren Ebene abgeleitet. Aus den Theorien der mittleren Ebene leitet man dann spezifische evolutionäre Hypothesen ab, und aus diesen werden dann wiederum Vorhersagen abgeleitet, die dann überprüft werden können (Buss, 1999).Man erhält also die folgende Hierarchie:

  1. Allgemeine Theorie der Evolution
  2. Theorien der mittleren Ebene
  3. Abgeleitete spezifische Hypothesen
  4. Abgeleitete spezifische Vorhersagen


Die allgemeine Theorie ist heute die Theorie der Gesamtfitness nach Hamilton (Hamilton, 1964). Wir werden nun an einem Beispiel zeigen, wie aus einer Theorie der mittleren Ebene Hypothesen und aus diesen wiederum Vorhersagen abgeleitet werden können (vgl. Buss, 1999). Als Ausgangspunkt für eine Hypothese dient die Theorie der elterlichen Investition (Trivers, 1972). Hieraus lassen sich nun drei Hypothesen ableiten:

Hypothese 1: In Spezies, in denen sich die Geschlechter in ihrer elterliche Investition in die Nachkommen unterscheiden, ist das Geschlecht, welches mehr investiert selektiver in der Partnerwahl als das Geschlecht, welches weniger investiert.

Hypothese 2: In den Spezies, in denen das männliche Geschlecht Ressourcen beiträgt, werden die Mitglieder des weiblichen Geschlechts diejenigen Mitglieder des männlichen Geschlechts, die mehr Willen zeigen, in den Nachwuchs zu investieren, bei der Partnerwahl bevorzugen.

Hypothese 3: Das Geschlecht, das weniger in die Nachkommen investiert, ist untereinander kompetitiver im Zugang zu möglichen Geschlechtspartnern.

Aus Hypothese 2 lassen sich nun die folgenden Vorhersagen ableiten, die dann auch empirisch überprüft werden können (und überdies auch bestätigt wurden, s. Buss 1989):

Vorhersage 1: Frauen haben evolvierte Präferenzen für Männer, die einen hohen Status haben.

Vorhersage 2: Frauen haben eine Präferenz für Männer, die bereit sind, in die Nachkommenschaft und die Partnerschaft zu investieren.

Vorhersage 3: Frauen werden sich von Männern trennen, die nicht die erwarteten Ressourcen beitragen um auf dem Markt der möglichen Partner einen neuen, besseren Partner zu finden.

Aus der Theorie der Gesamtfitness wurde also eine Theorie auf mittlerer Ebene, die Theorie der elterlichen Investition hergeleitet, aus der dann spezifische Hypothesen hergeleitet wurden, die anhand von Vorhersagen empirisch überprüft werden können. Wie werden aber nun die Hypothesen generiert und getestet. Dazu stehen zwei Strategien zur Verfügung: die theoriegeleitete, top-down Strategie und die beobachtungsgeleitete, bottom-up Strategie (Buss, 1999). Die top-down Strategie geht folgendermaßen vor. Zuerst wird eine Hypothese aus einer bestehenden Theorie abgeleitet, dann werden die Vorhersagen, die aus der Hypothese folgen getestet und schließlich untersucht, ob die Empirie die Vorhersagen stützt. Bei der bottom-up Strategie wird zuerst eine Hypothese über die adaptive Funktion hergeleitet, die einer empirischen Beobachtung zugrunde liegen könnte. Dann werden die Vorhersagen, die aus dieser generierten Hypothese folgen getestet und schließlich eingeschätzt, ob die empirischen Ergebnisse die Vorhersagen bestätigen. Bis auf das Zustandekommen der Hypothesen sind die beiden Vorgehensweisen also identisch.

Wie werden die abgeleiteten Hypothesen geprüft und welche Datenquellen stehen dazu zur Verfügung? In der Evolutionspsychologie steht eine große Anzahl von Methoden zur Verfügung. Ein Kennzeichen der Evolutionspsychologie ist der Methodenpluralismus, somit baut sie nicht auf einer bestimmten Methode auf (Buss, 1999). In der folgenden Übersicht sind die vorhandenen Methoden und die zu den jeweiligen Methoden gehörenden Daten aufgeführt.

Umweltbedingte, adaptive Differenzen
  1. Konditionale Strategien
  2. Strategische Spezialisierung
Erbliche, adaptive individuelle Differenzen
  1. Frequenzabhängige Selektion
  2. Adaptive Selbsteinschätzung
  3. Konditionsabhängige, erbliche Strategien
Nicht-adaptive individuelle Differenzen
  1. Neutrale Variationen
  2. Nebenprodukte von adaptiven Differenzen
Maladaptive individuelle Differenzen
  1. Genetische Defekte
  2. Umweltbedingte Insulte

Es existieren Möglichkeiten der Hypothesenprüfung. Der Vergleich verschiedener Spezies testet Vorhersagen über das Vorhandensein bestimmter Eigenschaften in einer anderen Spezies als diejenige, über die die Hypothese aufgestellte wurde. Auch kann man Spezies vergleichen, von der eine ein bestimmtes Anpassungsproblem hatte, die andere aber nicht.

Der Vergleich zwischen den Geschlechtern erlaubt es die unterschiedlichen Anpassungsprobleme zu untersuchen, denen sich die Männchen und Weibchen ausgesetzt sahen. Siehe als Beispiel die Unterschiede zwischen männlicher und weiblicher Eifersucht (Buss, Larsen, Westen & Semmelroth, 1992). Der Vergleich verschiedener Individuen innerhalb derselben Spezies erlaubt z. B. der Vergleich verschiedener Altersklassen oder verschiedener gesellschaftlicher Stellungen. Der Vergleich desselben Individuums in verschiedenen Kontexten gestattet es, evolvierte psychologische Mechanismen aufzudecken.

Eine Hypothese über das Auftreten eines Anpassungsproblems und folglich auch um das Vorhandensein eines Mechanismus zur Lösung des Problems kann aufgestellt und getestet werden. Experimentelle Studien setzten die Versuchsperson unterschiedlichen Bedingungen aus. Diese unterschiedlichen Bedingungen lassen dann Aussagen über Unterschiede im Verhalten zu. Zu den jeweiligen Arten der Hypothesenprüfung gibt es jeweils passende Daten. Archäologische Aufzeichnungen bieten Hinweise darauf, wie die Menschen früher lebten und sich entwickelten. Auch gestatten sie Hinweise darauf, welche Anpassungsprobleme unsere Vorfahren hatten. Daten aus Sammler-Jäger-Gesellschaften bieten eine reichhaltige Quelle zur Datengewinnung, insbesondere dann, wenn die Gesellschaften wenig Kontakt zur Zivilisation hatten. Solche Gesellschaften werden aber immer weniger, wenn es sie denn überhaupt noch gibt. Daten aus (systematischen) Beobachtungen können auch eine reichhaltige Datenquelle darstellen. Allerdings sind Beobachtungen manchmal nicht unproblematisch, da sie (bedingte dadurch, dass Beobachter auch nur Menschen sind) Verzerrungen. Selbstberichte bieten psychologische Daten, die sonst nicht zugänglich werden. Selbstberichte werden üblicherweise durch Fragebögen erfasst. Hinzuweisen ist aber auf die besonderen Probleme, die die Selbstberichte bieten (siehe dazu Amelang & Bartussek, 1999). Lebensdaten und öffentliche Aufzeichnungen sind die Spuren, die Menschen durch ihr Leben hinterlassen, wie z. B. Tagebücher und standesamtliche Aufzeichnungen. Menschliche Produkte sind z. B. Literatur, die Überbleibsel eines Restaurantbesuchs oder auch menschliche Tagebücher. Um die Vor- und Nachteile der jeweiligen Datensätze gegeneinander zu kompensieren, bietet es sich an, bei einer Untersuchung mehrere Datenquellen zu kombinieren (Buss, 1999).

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